Pressemeldungen

Hamburgs „heißeste Ecke“ soll verkauft werden – mal wieder

Das teuerste Grundstück der Reeperbahn soll an einen Baukonzern verkauft werden. Wo sich einst die Heiße Ecke befand, soll ein Hotel gebaut werden.

Hamburg. Die Leuchtreklame ist stark verblichen: „Table Dance“ kann man gerade noch lesen, vom „Girls“ steht das „i“ schief, und das „r“ fehlt ganz. Doch in der Strip-Bar „Moulin Rouge“ an der Reeperbahn kostet die halbe Flasche Grand Royal, ein laut Karte „alkoholisches Mischgetränk“, immer noch stolze 150 Euro. Ist eben ein teures Pflaster hier im Herzen der sündigen Meile. Und darum wird um das Nachbargrundstück seit gut 20 Jahren schon hoch gepokert: Einst stand auf dem 194 Quadratmeter kleinen Areal der Imbiss Zur heißen Ecke.

„Das teuerste Grundstück Hamburgs“, schrieben damals viele Zeitungen. Für gut 10.000 Euro soll der Quadratmeter gehandelt werden, mehrere Versuche von Investoren, dort zu bauen, scheiterten. Heute liegt dort massenhaft Müll, ein flüchtig hingesetzter, wild plakatierter Bauzaun schützt nur dürftig. Doch das Bild soll sich bald ändern. Das hat der Bauausschuss des zuständigen Bezirks Mitte gestern Abend beschlossen.

Auf Hamburgs bekanntestem Bauplatz – gleich gegenüber der Davidwache – soll ein sechsstöckiges Indigo-Hotel mit 94 Zimmern entstehen. Der Baukonzern Alpine bestätigte die Bauabsicht gegenüber dem Abendblatt. Allerdings gibt es auch noch Unsicherheiten: „Der Bauherr hat ein 14-tägiges Rücktrittsrecht vom Vertrag“, sagt Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD). Ein Kaufvertrag solle erst später unterschrieben werden. Ein Ausstiegsszenario, das mit der Vorgeschichte dieses Grundstücks zu tun haben dürfte: Verkäufer des Grundstücks ist Burim Osmani, ein albanischer Kaufmann von zweifelhaftem Ruf. Ihm gehören auch die beiden für den Hotelbau vorgesehenen Nachbargrundstücke, wo das Moulin Rouge steht. Bekannt wurde das Areal der Heißen Ecke durch den gleichnamigen Imbiss, der von 1948 bis 1991 dort als Behelfsbau stand. Und wo die stadtbekannte Wirtin Ella Mehrhoff die Qualität und Größe ihrer Wurst gern mit den Worten kommentierte: „Ja, auf unsere Würste sind Männer neidisch: Die geben zu denken.“ Die Heiße Ecke war ein magnetischer Anziehungspunkt für Prominente, darunter für Roy Black, der Kartoffelpuffer der Wurst vorzog, wie es seinerzeit hieß.

Es war eben noch die gute alte Zeit auf St. Pauli, die 2003 auf der Tivoli-Bühne mit „Heiße Ecke – das St.-Pauli-Musical“ wieder belebt und zu einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Musiktheaterproduktionen wurde.

Die Wirklichkeit sieht schon lange anders aus. 1991 verkauft Ella Mehrhof ihre letzte Wurst, und Hamburg verpokert das städtische Minigrundstück. „Die Haie kommen“, titelt damals das Abendblatt über das Poker, bei dem Willi Bartels, der „König von St. Pauli“, bei einer Million D-Mark aussteigt. Doch der Immobilienkaufmann Norbert Blohm zahlt unglaubliche 1,85 Millionen Mark. Blohm war Eigentümer des Hauses, wo die legendäre Kiezkneipe Zum goldenen Handschuh residiert. Doch Blohm hat wohl nicht den auf der Meile nötigen Biss und kann seinen geplanten Glasturm nicht verwirklichen. Der Bezirk Mitte will daher 1995 den glücklosen Eigentümer Blohm per Gesetz zum Bau zwingen. Doch der errichtet 1997 wieder nur einen Imbiss-Behelfsbau namens „Heiße Kiste“, der Ende 2004 abgerissen wird.

Nun tritt Burim Osmani auf den Plan, damals noch offiziell „St.-Pauli-Investor“. Er kauft für zwei Millionen Mark die 194 Quadratmeter und möchte auf der Reeperbahn das spielen, was man in der Branche „Klavier“ nennt: Man erwirbt ein Grundstück nach dem anderen. Wenn man alle Grundstücke einer Reihe wie auf einer Klaviatur hat, kann man „Klavier spielen“. Traumziel: Osmani möchte eine Art Las Vegas auf der Meile bauen. Ihm gehören schon mehrere Grundstücke. Und im Jahr 2001 kauft er zwei Nachbargrundstücke der Heißen Ecke dazu, plant nun einen 40 Meter hohen „Osmani-Tower“, später soll es ein Luxushotel sein. Doch seine Investoren springen immer wieder ab. 2001 ist auch das Jahr des Mario Mettbach, der es an der Seite Ronald Schills bis zum Bausenator schafft. Und der später, nach dem Scheitern der Schill Partei, einen gut dotierten Senatsjob als „Logistikbeauftragter“ erhält.

Doch das „Klavierspiel“ des albanischen Kaufmannes Osmani funktioniert nicht. Im Mai 2006 wird er verhaftet. Der Skandal um die Lauenburger Volksbank kommt langsam ans Tageslicht. Später wird die Staatsanwaltschaft dem Albaner und anderen vorwerfen, das Institut „regelrecht geplündert“ zu haben.

Im Jahr 2006 versucht Mario Mettbach das Grundstück an der Heißen Ecke einem Parteifreund (der als „Medienberater“ der Osmanis durch Hamburg tourt) zu vermitteln, der dort wieder einen Imbiss aufbauen will. Das klappt nicht: Kaum wird die Mettbach-Aktion öffentlich, verliert er einen Senatsjob. Mit den Osmanis will jetzt plötzlich keiner mehr etwas zu tun haben.

2008 kommt die nächste heiße Meldung, die schnell im kalten Nichts endet: Die Hamburger Projektentwickler bti-group behauptet, das Grundstück gekauft zu haben, und will – mal wieder – ein Hotel errichten.

Nun, im Jahr 2011, sind auf der Meile wieder alle gespannt, ob es diesmal mit dem Hotel klappt. So auch in der Kneipe „Kaffeepause“, die an der Hein-Hoyer-Straße direkt neben der vermüllten Ecke liegt. Hier steht schwerer Zigarettenrauch in der Luft. Man trinkt Astra oder Holsten aus der Flasche. Ja, sagt Wirt Kasim Dietz, das Eckgrundstück der Heißen Ecke sei hier schon lange ein Schandfleck. Penner und Punks hätten dort übernachtet, ihren Müll weggeworfen oder in die Ecken uriniert.

Angst vor neuen, schicken Bauten habe er daher nicht. Dietz: „Wenn dort nun ein Hotel kommt, ist das doch nur gut für uns.“

Matthias Rebaschus, Axel Tiedemann - Hamburger Abendblatt 03.02.2011